Schnuller abgewöhnen: Wann der richtige Zeitpunkt ist und was sanft hilft

Schnuller abgewöhnen: Wann der richtige Zeitpunkt ist und was sanft hilft

Es ist halb acht, das Licht ist gedimmt, und Dein Kind tastet die Matratze ab: „Nucki!“ Ohne Schnuller klappt gerade wenig – weder das Einschlafen noch der Trost nach dem Sturz auf dem Spielplatz. Und dann sagt jemand in der Zahnarztpraxis: „Der muss aber langsam weg.“

Hier erfährst Du, was Zahnärzte, Kieferorthopäden und das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zum richtigen Alter sagen, warum der Schnuller im ersten Jahr sogar nützen kann und welche Wege sanft funktionieren. Die Kurzfassung: Im ersten Lebensjahr darf er zum Schlafen bleiben, danach wird er Schritt für Schritt weniger. Ein gutes Ziel ist der zweite Geburtstag, spätestens der dritte – nur wenn das Nuckeln bis dahin endet, kann sich ein veränderter Biss laut Kieferorthopäden in der Regel noch von selbst ausgleichen.

Ab wann Du den Schnuller abgewöhnen solltest

Ein Datum, auf das sich alle Fachstellen geeinigt hätten, gibt es nicht. Die Richtung ist aber klar: Je länger und häufiger ein Kind nuckelt, desto eher leiden Zähne und Kiefer.

Wer Empfehlung Begründung
BIÖG (kindergesundheit-info.de) nach dem ersten Geburtstag möglichst keinen Schnuller mehr langer Gebrauch kann das Gebiss verformen; außerdem steigt das Risiko für Mittelohrentzündungen
Bundeszahnärztekammer mit dem zweiten Geburtstag soll das Nuckeln vorbei sein am besten ganz ohne Nuckel; wenn doch, ist der Schnuller günstiger als der Daumen
Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) kein Lutschen mehr nach dem dritten Lebensjahr danach entwickelt sich ein vorn offener Biss; von selbst gleicht er sich in der Regel nur aus, wenn das Kind bis drei aufhört
Cochrane-Übersicht (2015) kein bestimmtes Alter das Risiko für falsch stehende bleibende Zähne steigt, wenn das Saugen bis in den Zahnwechsel ab etwa sechs Jahren anhält

Praktisch heißt das: Im ersten Lebensjahr musst Du nichts abgewöhnen. Ab dem ersten Geburtstag beschränkst Du den Schnuller nach und nach auf die Schlafenszeiten, um den zweiten Geburtstag ist ein guter Moment für den Abschied. Ansprechen kannst Du das bei der U7 rund um den zweiten Geburtstag oder in der Zahnarztpraxis.

Was langes Nuckeln mit Zähnen und Kiefer macht

Langes Lutschen verschiebt die Zähne, bei großer Dauer und Intensität verändert sich laut DGKFO auch der Kieferknochen. Typische Folgen sind:

  • Offener Biss: Beim Zubeißen bleibt zwischen oberen und unteren Zähnen eine Lücke, durch Lutschen meist vorn. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung nennt Daumenlutschen als mögliche Ursache; auch Sprechen und Lippenschluss können leiden.
  • Überbiss: Die oberen Schneidezähne stehen deutlich vor. Cochrane nennt ihn als Folge, wenn das Saugen bis in den Zahnwechsel anhält.
  • Ohren: Laut BIÖG begünstigt Schnullern auch Mittelohrentzündungen.

Nuckelt Dein Kind nach dem dritten Geburtstag noch viel, lass die Zähne ansehen. Warum die ersten Zähne so wichtig sind, steht im Ratgeber zu den Milchzähnen.

Warum der Schnuller im ersten Jahr schützen kann

Für Babys hat der Schnuller einen echten Vorteil: Laut BIÖG gibt es Hinweise, dass er im Schlaf das Risiko für den plötzlichen Kindstod verringern kann. Deshalb ist er auch Teil der Schlafberatung bei der U3. Damit er nützt und das Stillen nicht stört, gilt:

  • Erst anbieten, wenn das Stillen gut läuft, also meist nicht vor der zweiten bis dritten Lebenswoche.
  • Dann bei jedem Einschlafen anbieten, auch zum Mittagsschlaf – aber ohne Zwang, wenn Dein Baby ihn ablehnt.
  • Fällt er im Schlaf heraus, schiebst Du ihn nicht zurück.
  • Nie in Zucker oder Honig tauchen.

Schutz und Abgewöhnen gehören also zu verschiedenen Phasen: Ab dem ersten Geburtstag rät dasselbe Institut, den Schnuller möglichst auslaufen zu lassen. Mehr zum sicheren Babyschlaf steht im Ratgeber Schlafen.

Sanfte Wege: So gelingt der Abschied

Den Schnuller einfach wegzunehmen, geht selten gut: Kinderärzte warnen, dass Kinder dann leicht auf den Daumen umsteigen – und den kannst Du nicht in eine Schublade legen. Besser klappt ein Weg in Stufen, etwa ab dem ersten Geburtstag und im Tempo Deines Kindes:

  1. Feste Orte: Der Schnuller wohnt im Bett oder in einer Dose, beim Spielen und Erzählen bleibt er draußen. Tagsüber fällt der Verzicht meist leichter als nachts, deshalb beginnt Ihr hier.
  2. Nur noch zum Schlafen: Mittagsschlaf und Nacht bleiben vorerst, Trost gibt es über Arm, Kuscheltier oder Lied.
  3. Nur noch zum Einschlafen: Schläft Dein Kleinkind fest, nimmst Du den Schnuller behutsam heraus.
  4. Der Abschied: ein angekündigter Tag, ein Ritual, danach kein Schnuller mehr im Haus.

Emil ist 15 Monate alt und hat den Schnuller fast den ganzen Tag im Mund. Seine Eltern stellen eine Schnullerdose neben das Bett. Verlangt er ihn tagsüber, legen sie ihn gemeinsam dorthin zurück und holen das Lieblingsbuch. Nach gut zwei Wochen fragt Emil tagsüber kaum noch danach; die Nacht kommt um den zweiten Geburtstag dran.

Schnullerfee, Tauschen und Kalender

Versteht Dein Kind schon kleine Abmachungen, erleichtert ein angekündigtes Ritual den letzten Schritt:

  • Schnullerfee: Am Abend legt Dein Kind alle Schnuller an einen verabredeten Ort, nachts holt die Fee sie ab und lässt ein kleines Geschenk da.
  • Tauschen: Der Schnuller wird gegen einen Wunsch getauscht, etwa ein neues Kuscheltier fürs Bett.
  • Kalender: Jeder Tag ohne Schnuller bekommt einen Sticker, eine geschaffte Woche eine kleine Belohnung – das schlägt auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte vor.

Lotta ist zweieinhalb und braucht den Schnuller nur noch zum Einschlafen. Nach einer Woche voller Geschichten über die Schnullerfee legt sie ihre Schnuller in einen Umschlag vor die Tür, morgens liegt dort ein Bilderbuch. Die ersten Abende dauern länger, einmal weint sie heftig. Ihre Eltern bleiben am Bett und holen keinen Ersatz aus der Schublade. Nach etwa einer Woche schläft sie wieder so schnell ein wie vorher.

Leg den Abschied nicht in eine Zeit voller Umbrüche wie Geschwistergeburt, Umzug oder die Eingewöhnung in der Kita.

Wenn Dein Kind stattdessen am Daumen lutscht

Zahnärzte sehen den Daumen kritischer als den Schnuller. Die Bundeszahnärztekammer rät, Babys und Kleinkinder, die am Daumen lutschen, möglichst früh an einen Schnuller zu gewöhnen, damit sich Zähne und Zunge nicht falsch entwickeln.

Bei älteren Daumenlutschern hilft es, die typischen Momente zu kennen – Vorlesen, Autofahrt, Einschlafen – und den Händen dann etwas zu tun zu geben, dazu Lob und kleine Belohnungen. Lutscht Dein Kind nach dem dritten Geburtstag noch regelmäßig oder verändern sich die Zähne sichtbar, sprich die Zahnarztpraxis an.

Jonas ist vier und lutscht beim Vorlesen am Daumen. Die Zahnärztin zeigt ihm im Spiegel die kleine Lücke vorn. Nun gibt es für jeden Vorleseabend ohne Daumen einen Stern, nach sieben Sternen geht es ins Schwimmbad – und beim Zuhören hält Jonas seinen Stoffhund mit beiden Händen fest. Nach einigen Wochen bleibt der Daumen meist draußen.

Was bei Rückfällen und nachts hilft

Die Nacht ist meist die letzte Station. Vermisst Dein Kind den Schnuller beim Aufwachen, helfen Deine Stimme, Deine Hand und – bei Kleinkindern, nicht bei Babys – ein Kuscheltier oder Schmusetuch. Anregungen für einen ruhigen Abendablauf findest Du bei den Ritualen für den Alltag.

Rückfälle bei Krankheit oder großen Veränderungen sind normal. Bist Du noch in den Stufen, geh einen Schritt zurück. Ist der Schnuller per Ritual verabschiedet, bleibt er besser weg, sonst wird jeder Abend neu verhandelt. Wutanfälle in dieser Zeit gehören oft einfach zum Alter, mehr dazu im Ratgeber zur Trotzphase.

Welche Methoden belegt wirksam sind

Die gründlichste Auswertung ist eine Cochrane-Übersicht von 2015 mit sechs Studien aus den Jahren 1967 bis 1997 und zusammen 252 Kindern. Wichtig zur Einordnung: Alle Studien befassten sich mit dem Lutschen an Daumen oder Fingern, die Kinder waren etwa zweieinhalb bis 18 Jahre alt – zum Schnuller enthält die Übersicht keine Studie. Gaumenspangen und psychologische Ansätze mit Beratung und Anreizen führten häufiger zum Aufhören als keine Behandlung. Welche Methode besser ist, blieb meist offen; die Beweislage gilt als dünn, weil die Studien klein und methodisch angreifbar sind.

Stufenplan, Schnullerfee, Tauschen oder Pflaster am Daumen hat die Übersicht nicht untersucht – es fehlt also der Nachweis, nicht unbedingt die Wirkung. Das Bestärken mit Lob und kleinen Belohnungen passt aber zu dem, was sich in den Studien bewährt hat. Zu bitteren Mitteln lässt sich aus der Übersicht keine klare Empfehlung ableiten; frag vor dem Einsatz bei Kleinkindern in der Kinderarztpraxis. Tröstlich: Die meisten Kinder legen die Gewohnheit irgendwann von selbst ab, oft mit etwas Zuspruch der Eltern.

Häufige Fragen

Darf die Schnullerkette mit ins Bett?

Nein. Das BIÖG warnt davor, den Schnuller mit einem Band an Hals oder Kleidung des Babys zu befestigen – es besteht Strangulationsgefahr. Nimm die Kette deshalb vor dem Hinlegen ab.

Mein Kind ist drei und nuckelt noch – ist der Schaden schon da?

Nicht unbedingt, aber jetzt ist der richtige Moment: Je früher das Lutschen endet, desto eher gleicht sich der Biss noch von selbst aus. Lass die Zähne ansehen und geh das Abgewöhnen konsequent an.

Wann sollte die Zahnarztpraxis zum ersten Mal draufschauen?

Die Bundeszahnärztekammer empfiehlt eine erste Beurteilung der Zähne in den ersten zwölf Lebensmonaten, danach Kontrollen zweimal im Jahr. Dort kannst Du auch fragen, ob das Nuckeln schon Spuren hinterlassen hat.

Wie lange dauert das Abgewöhnen?

Das ist von Kind zu Kind verschieden. Die Stufen können sich über einige Wochen ziehen, nach dem Abschied folgen häufig ein paar unruhige Abende. Entscheidend ist, dass Du bei der Abmachung bleibst.

Stand: 29. Oktober 2026

Quellen und weiterführende Links

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