Stand: 11. Oktober 2026
Ein Kapitel vor dem Einschlafen, ein Comic auf dem Rücksitz, der Samstag in der Bücherei: Ob ein Kind gerne liest, entscheidet sich zu einem guten Teil zu Hause. Leseförderung beginnt lange vor der Einschulung und braucht weniger Aufwand, als viele Eltern befürchten. Hier erfährst Du, was aktuelle Studien zeigen, was in welchem Alter hilft und woran Du erkennst, dass hinter Leseproblemen mehr stecken könnte als fehlende Lust.
Das Wichtigste in Kürze: Regelmäßiges Vorlesen ist ein zentraler Baustein, die Stiftung Lesen nennt zehn Minuten am Tag als Richtwert. Hör damit nicht auf, sobald Dein Kind selbst lesen lernt. Lass es mitentscheiden, was es liest – Comics und Zeitschriften sind ein guter Einstieg. Und kommt das Lesen trotz Übung über Monate kaum voran, sprich mit der Lehrkraft und lass die Ursache fachlich abklären.
Warum Leseförderung gerade jetzt zählt: Was die Studien zeigen
Mehrere große Untersuchungen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. In der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU 2021, deren Ergebnisse 2023 erschienen sind, blieben 25,4 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland unter Kompetenzstufe III. Diese Stufe gilt international als Voraussetzung dafür, vom Lesenlernen zum Lernen durch Lesen überzugehen. 2001 lag der Anteil noch bei 17 Prozent. Der IQB-Bildungstrend 2021 bestätigt das Bild: 18,8 Prozent der Kinder verfehlten am Ende der vierten Klasse im Lesen den Mindeststandard, 6,3 Prozentpunkte mehr als 2016. Die Erhebung für IGLU 2026 startete in Deutschland am 18. Mai 2026, Ergebnisse liegen noch nicht vor.
Bei den Jugendlichen setzt sich der Trend fort. In der PISA-Studie 2025, deren Ergebnisse am 8. September 2026 vorgestellt wurden, erreichten 15-Jährige in Deutschland im Lesen 465 Punkte. Laut OECD sind das in allen drei Testbereichen die schwächsten Werte, die PISA hierzulande je gemessen hat. Nur rund 68 Prozent schafften im Lesen mindestens Kompetenzstufe 2 – das Niveau, auf dem man die Kernaussage eines mittellangen Textes versteht. Der Anteil der leseschwachen Jugendlichen ist seit 2015 um 15 Prozentpunkte gewachsen.
Auch der Buchhandel spürt den Wandel. Nach den Marktzahlen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am 9. Juli 2026 vorgelegt hat, ging die Zahl der Buchkäuferinnen und -käufer zwischen 10 und 15 Jahren 2025 um 30,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, ihre Ausgaben für Bücher sanken um 23,8 Prozent. Über alle Altersgruppen betrug das Minus 4,9 Prozent. Kaufen ist zwar nicht dasselbe wie Lesen, Bücher werden auch ausgeliehen und weitergereicht. Zusammen mit den Schulstudien ergibt sich aber ein deutliches Signal – und Familien können viel dagegen tun.
Vorlesen von Anfang an: Leseförderung von null bis sechs Jahren
Lange bevor Dein Kind Buchstaben erkennt, legt es das Fundament fürs Lesen: Es hört Geschichten, lernt neue Wörter und begreift, dass Bilder und Zeichen etwas bedeuten. Wie eng das mit der Sprachentwicklung verbunden ist, beschreibt unser Beitrag zum Sprechen lernen. Die Stiftung Lesen verweist auf den Nationalen Bildungsbericht 2026, nach dem der Wortschatz von Kindern je nach sozialer Herkunft schon im Alter von zwei Jahren deutlich auseinandergeht.
Trotzdem hören viele Kinder selten Geschichten. Für den Vorlesemonitor 2024 der Stiftung Lesen, erstellt gemeinsam mit der ZEIT und der Deutsche Bahn Stiftung, wurden 815 Eltern von Ein- bis Achtjährigen befragt. Ergebnis: 32,3 Prozent der Kinder wird selten oder nie vorgelesen, Lücken zeigen sich vor allem vor dem Kita-Start und rund um die Einschulung. Die eigene Kindheit prägt dabei mit: Von den Eltern, die früher selbst Vorlesezeiten erlebt haben, lesen 74 Prozent mindestens mehrmals pro Woche vor; der Effekt gilt unabhängig vom Bildungshintergrund.
Für Deinen Alltag heißt das: Mach das Vorlesen zu einem festen Termin, etwa vor dem Schlafen. Die Stiftung Lesen empfiehlt zehn Minuten am Tag. Perfekt muss nichts sein – mit Babys reicht es, Bilder gemeinsam anzuschauen und zu benennen. Sobald Dein Kind erste Sätze spricht, kannst Du dialogisch vorlesen: Du stellst Fragen („Was glaubst Du, wohin der Fuchs jetzt läuft?“), lässt Dein Kind auf Dinge im Bild zeigen und greifst seine Antworten auf. So wird aus dem Zuhören ein Gespräch.
Lesestart 1-2-3: Seit 2011 erhalten Familien über dieses Programm Buchgeschenke und Vorlesetipps in vielen Sprachen – zuerst in der Kinderarztpraxis bei der U6 und U7, danach auch in Büchereien. Laut Stiftung Lesen machen mehr als 6.000 Praxen und über 5.500 Bibliotheken mit. Wie es weitergeht, ist offen: Nach einer Mitteilung der Stiftung vom 3. September 2026 plant das zuständige Bundesministerium (BMBFSFJ) keine Weiterfinanzierung, die Stiftung wirbt bei Bundestagsabgeordneten für den Erhalt. Frag bei den U-Untersuchungen nach, ob Deine Praxis noch Sets ausgibt.
Leseanfang in Klasse 1 und 2: Üben, ohne die Freude zu verlieren
Mit der Einschulung soll Dein Kind plötzlich selbst lesen – und Buchstabe für Buchstabe ist das mühsam. Genau jetzt lassen viele Familien das Vorlesen ausklingen: Laut Vorlesemonitor 2024 bekommen besonders viele Kinder zwischen fünf und sieben Jahren selten oder nie etwas vorgelesen. Dabei braucht Dein Kind in dieser Phase beides: kleine eigene Erfolgserlebnisse und weiterhin Geschichten, die es allein noch nicht bewältigen würde. Ein einfaches Ritual ist das abwechselnde Lesen: Du übernimmst eine Seite, Dein Kind je nach Stand einen Satz oder einen Absatz.
Halte die Übungszeit kurz und freundlich. Lob die Mühe, nicht nur das Ergebnis, und unterbrich nicht bei jedem Fehler – oft merkt Dein Kind selbst, dass ein Satz keinen Sinn ergibt. Lesestoff steckt auch im Alltag: Einkaufszettel, Straßenschilder, die Regeln eines Brettspiels. So erlebt Dein Kind, wofür Lesen gut ist. Zusätzliches Pauken am späten Abend, wenn es erschöpft ist, verdirbt dagegen leicht die Freude. Bleiben die Lücken groß, hilft unser Ratgeber zur Nachhilfe in der Grundschule weiter.
Der Leseknick ab Klasse 3: Dranbleiben bis in die Pubertät
Viele Eltern erleben, dass das Interesse an Büchern ab der dritten oder vierten Klasse nachlässt, oft ist dann vom Leseknick die Rede. Die KIM-Studie 2024 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, für die 1.225 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren befragt wurden, liefert Zahlen für die gesamte Altersgruppe: 48 Prozent lesen mindestens einmal pro Woche ein Buch, 2022 waren es noch 52 Prozent. Täglich oder fast täglich tun es nur zehn Prozent. Und von den Kindern, die überhaupt Bücher lesen, sagen 14 Prozent, dass sie das sehr gerne machen, 44 Prozent gerne – 31 Prozent lesen nicht so gerne, jedes zehnte Kind gar nicht gerne.
In diesem Alter kommt es vor allem auf Mitsprache und passenden Lesestoff an. Die Stiftung Lesen rät, Kinder und Jugendliche selbst auswählen zu lassen, was sie lesen. Zeitschriften, Comics, Mangas oder Comics in Buchform bestehen aus kürzeren Textstücken und senken die Hürde, gerade für Kinder, denen Lesen schwerfällt. Auch ein Sachbuch über Fußball oder Vulkane ist echter Lesestoff. Wichtig ist, dass Lesen nicht wie eine Strafe wirkt: Der Satz „Handy weg, jetzt wird gelesen“ verbindet Bücher mit Zwang. Die Stiftung empfiehlt stattdessen, Lesen immer wieder als Freizeitbeschäftigung anzubieten und dafür einen ruhigen Platz mit gutem Licht zu schaffen.
Lies außerdem weiter vor, auch wenn Dein Kind längst allein liest. Und sei Vorbild: Kinder bekommen mit, ob Erwachsene in ihrer freien Zeit lesen, ob Roman, Zeitung oder Kochbuch. Auf diesen Effekt setzt die Stiftung Lesen mit ihrer im September 2026 gestarteten Kampagne „Ich lese vor – du auch?“.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Lena ist neun und geht in die dritte Klasse. Bücher findet sie „öde“, seit die Texte in der Schule länger werden. Ihre Eltern verzichten auf Lesepflichten. Stattdessen geht der Vater samstags mit ihr in die Stadtbücherei, wo Lena selbst aussucht – zuerst nur Comics und ein Pferdemagazin, nach einigen Wochen auch ein Sachbuch übers Reiten. Abends liest die Mutter ein Kapitel aus einer längeren Geschichte vor; manchmal liest Lena die nächste Seite selbst, weil sie wissen will, wie es ausgeht. Ein Wundermittel ist das nicht, aber Lena verbindet Lesen wieder mit etwas, das sie selbst bestimmt.
Zum Überblick:
| Alter | Schwerpunkt | Was hilft |
|---|---|---|
| 0 bis 3 Jahre | Bilder, Klang, Nähe | Bilderbücher gemeinsam anschauen und benennen, kurze feste Vorlesezeit |
| 3 bis 6 Jahre | Geschichten verstehen, Wortschatz | dialogisch vorlesen, Reime und Lieder, regelmäßig in die Bücherei |
| Klasse 1 und 2 | eigene Leseerfolge | abwechselnd lesen, Texte aus dem Alltag, weiter vorlesen |
| ab Klasse 3 | Lust am Lesen erhalten | selbst auswählen lassen, Comics und Sachbücher, Vorbild sein, weiter vorlesen |
Bildschirm, Bibliothek, mehrere Sprachen: Was den Alltag leichter macht
Bildschirme: nicht gegen Bücher ausspielen
Laut KIM-Studie 2024 ist die regelmäßige Nutzung von Onlinevideos gestiegen, während das regelmäßige Lesen von Büchern und Comics zurückging. Die Stiftung Lesen hält es trotzdem für wenig hilfreich, gedruckte Bücher und digitale Medien gegeneinanderzustellen. Im Vorlesemonitor 2024 hatten 43 Prozent der Eltern schon Kinder-Apps genutzt, 26 Prozent von ihnen auch zum Vorlesen. Entscheidend ist, dass Bildschirmzeit das gemeinsame Lesen nicht verdrängt. Welche Regeln für Fernsehen und Videos sinnvoll sind, liest Du in unserem Beitrag zum Fernsehkonsum bei Kindern.
Bibliothek: Nachschub ohne Kaufdruck
Im Vorlesemonitor 2024 besaßen 29 Prozent der befragten Familien weniger als zehn Kinderbücher. In der Bücherei kann Dein Kind ausprobieren, was ihm gefällt, ohne dass ein Fehlgriff Geld kostet. Viele Büchereien haben gemütliche Leseecken, und das Personal hilft bei der Suche nach passendem Lesestoff. Frag vor Ort nach einem Kinderausweis und nach Vorleseaktionen – etwa zum Bundesweiten Vorlesetag am 20. November 2026, an dem Freiwillige in Kitas, Schulen, Bibliotheken und Vereinen vorlesen.
Mehrere Sprachen: Vorlesen in der Familiensprache
Wächst Dein Kind mit mehr als einer Sprache auf, lies in der Sprache vor, in der Du Dich sicher fühlst. Die Stiftung Lesen betont, dass sich jede Sprache zum Vorlesen eignet; Geschichten in der Familiensprache wecken nach ihrer Einschätzung Interesse an Sprache und erleichtern so auch den Weg in die Bildungssprache Deutsch. Bei Familie Haddad etwa liest die Mutter abends auf Arabisch vor, die große Schwester bringt am Wochenende deutsche Bilderbücher aus der Bücherei mit.
Wenn das Lesen trotz Übung nicht vorankommt
Jedes Kind lernt in seinem eigenen Tempo, und Fehler gehören zum Lesenlernen dazu. Aufmerksam solltest Du werden, wenn Dein Kind über längere Zeit deutlich mehr Fehler macht als andere Kinder auf demselben Lernstand, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gibt. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie nennt in seinem Elternratgeber unter anderem diese Auffälligkeiten beim Lesen:
- Buchstaben und die dazugehörigen Laute werden schwer erkannt, das Verbinden von Lauten zu Wörtern klappt kaum.
- Dein Kind liest auffallend langsam und ungenau.
- Es versteht wenig von dem, was es gelesen hat.
- Es hat dauerhaft keine Lust aufs Lesen.
Erste Hinweise können sich schon vor der Schule zeigen, etwa Mühe mit Reimen, beim Nachsprechen von Wörtern oder beim Merken von Reihenfolgen wie den Wochentagen; auch Legasthenie in der Familie zählt der Verband dazu. Nach seinen Angaben sind jeweils drei bis fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler von einer isolierten Lesestörung, einer isolierten Rechtschreibstörung oder einer Lese-Rechtschreibstörung betroffen.
Eine Diagnose kannst Du nicht selbst stellen, und auch dieser Ratgeber ersetzt sie nicht. Der erste Schritt ist ein Gespräch mit der Klassenlehrkraft; in einigen Ländern testet auch die Schule. Bei deutlichen Hinweisen empfiehlt der Verband eine ärztliche Diagnostik, etwa in einem Sozialpädiatrischen Zentrum oder bei Fachleuten für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Vorher sollte fachärztlich geklärt werden, ob Dein Kind gut sieht und hört – sprich dazu mit Deiner Kinderarztpraxis. Laut Verband ist eine Diagnostik schon Ende der ersten oder in der zweiten Klasse möglich, wenn die Schwierigkeiten länger als sechs Monate bestehen. Auch der schulpsychologische Dienst hilft weiter. Hilfen wie Nachteilsausgleich oder Notenschutz regeln die Länder unterschiedlich. Ähnliche Fragen stellen sich bei Problemen mit Zahlen – mehr dazu in unserem Beitrag zur Dyskalkulie.
Häufige Fragen
Wie lange sollte ich täglich vorlesen?
Die Stiftung Lesen nennt zehn Minuten am Tag als Richtwert. Wichtiger als die Dauer ist die Regelmäßigkeit: Kurze Vorlesezeiten an fast jedem Tag lassen sich leichter durchhalten als seltene lange Sitzungen.
Bis zu welchem Alter lohnt sich Vorlesen?
Eine feste Grenze gibt es nicht. Solange Dein Kind gerne zuhört, spricht nichts dagegen, auch in der dritten oder vierten Klasse weiter vorzulesen. Rund um die Einschulung wird laut Vorlesemonitor 2024 besonders selten vorgelesen.
Darf ich in meiner Muttersprache vorlesen?
Ja. Nach Ansicht der Stiftung Lesen eignet sich jede Sprache zum Vorlesen. Lies in der Sprache, die Du am besten beherrschst – Deutsch lernt Dein Kind zusätzlich in Kita und Schule.
Zählen Comics und Zeitschriften als richtiges Lesen?
Ja, gerade als Einstieg. Die Stiftung Lesen weist darauf hin, dass kürzere Textabschnitte die Hürde senken, vor allem für Kinder, denen das Lesen schwerfällt. Entscheidend ist, dass Dein Kind regelmäßig liest und dabei mitbestimmen darf.
Quellen
- Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Buchmarkt kompakt 2025/2026, Zahlenübersicht vom 9. Juli 2026 (boersenverein.de)
- OECD: PISA 2025 Ergebnisse (Band I), Ländernotiz Deutschland, 2026 (oecd.org)
- Stiftung Lesen: Pressemeldung zu PISA 2025 vom 8. September 2026 (stiftunglesen.de)
- IFS, TU Dortmund: IGLU 2021, Pressehandreichung, 2023 (tu-dortmund.de)
- IFS, TU Dortmund: Pressemitteilung zum Erhebungsstart von IGLU 2026 vom 18. Mai 2026 (tu-dortmund.de)
- Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK: Gutachten Grundschule 2022 (Befunde des IQB-Bildungstrends 2021) (kmk.org)
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: KIM-Studie 2024 (mpfs.de)
- Stiftung Lesen (mit DIE ZEIT und Deutsche Bahn Stiftung): Vorlesemonitor 2024, Pressemeldung vom 8. Oktober 2024 (stiftunglesen.de)
- Stiftung Lesen: Pressemeldung zu Lesestart 1-2-3 vom 3. September 2026 (stiftunglesen.de)
- Stiftung Lesen (mit DIE ZEIT und Deutsche Bahn Stiftung): Bundesweiter Vorlesetag 2026, Pressemeldung (stiftunglesen.de)
- Stiftung Lesen: Pressemeldung zur Kampagne „Ich lese vor – du auch?“ vom 9. September 2026 (stiftunglesen.de)
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie: Elternratgeber Legasthenie, 4. Auflage 2024 (familienportal.nrw)
